„Vor
zwanzig Jahren hat dein Vater den letzten Bären erschlagen.“ Meta
packte ihn am Arm und zog ihn zu sich heran. Leise schniefend sog sie die
Luft in die Nase. „Setz dich! Ich mach dir einen Kaffee, damit du wieder
nüchtern wirst.“
Hersin
stolperte mit zwei Schritten zum Fenster und stützte sich schwer auf den
Sims. „Was ist das denn?“ Er zog die Decke beiseite; der angekohlte
Leuchter darunter fiel klappernd zu Boden. „Ich brauche ein Gewehr,
Meta. Keinen Kaffee!“
„Dann
bist du bei mir verkehrt.“ Meta verließ die Stube, um Kaffee zu kochen.
Hersin
eilte ihr hinterher. „Dein Mann hat ein Gewehr gehabt. Wo ist es?“
Meta
schüttelte ihn ab. „Du triffst doch nicht einmal einen Baumstamm, wenn
du direkt davor stehst.“
Hersin
ließ sie in die Küche gehen und lief die Stiege hoch ins Schlafzimmer:
ein Kleiderschrank, eine Kommode mit drei großen Schubladen. Er kniete
sich vor die Kommode und öffnete eine Lade nach der anderen. Unterwäsche,
Tischwäsche, Strickwerk. Behutsam hob er die Tischwäsche an und tastete
darunter; nichts. Dann die Pullover; auch nichts.
Mit
einem Fluch ging er zum Schrank. Hinter einer der Türen hingen Wolframs
gute Anzüge. Dort auf dem Schrankboden lag das Gewehr, sorgfältig in
weiches Leder gehüllt. Er nahm es heraus und wickelte es aus.
„Was
tust du da?“ Meta stand mit der Kaffeekanne in der Tür. „Leg das
sofort zurück.“
„Wo
sind die Patronen?“
„Leg
das Gewehr in den Schrank!“ Sie stellte die Kanne auf die Kommode und
packte danach.
Hersin
rang einen Moment lang mit ihr um das Gewehr; dann ließ er los und trat
einen Schritt zurück. „Meta, bitte. Dort draußen treibt sich wirklich
wieder ein Bär herum.“
„Das
glaube ich erst,, wenn ich ihn sehe.“ Sie nahm die Kanne wieder auf,
behielt aber das Gewehr in der Hand. „Der Kaffee wird kalt; komm!“
An
der Treppe stand sie einen Augenblick wie ratlos; wog das Gewehr in ihrer
Hand. Dann hängte sie es sich über die Schulter, um sich am Geländer
festzuhalten, während sie bedachtsam hinunter stieg. Auf halber Höhe
drehte sie sich zu Hersin um, der noch immer am Absatz stand. „Was
ist?“
..5.12..
© Annemarie Nikolaus