Fieberhaft blätterte Sarah in Metas Roman. Ob sie etwas
über Aaron darin geschrieben hatte? Damals, es war kurz vor Weihnachten,
lernte Sarah Aaron kennen. Die Zeiten waren schlecht. Deutschland befand
sich im Krieg mit der ganzen Welt. In den Bergen fühlte sich Aaron
sicher. Zwar wurde viel über Deportationen, Verschleppungen und über
Menschen, die plötzlich aus den Städten verschwanden, gesprochen. Aber
so großen Städte wie Berlin und Hamburg waren weit weg. Bis zu den
Dörfern war noch niemand vorgedrungen, alles war friedlich wie eh und je.
Sarah
war glücklich mit Aaron, von dem sie nicht genau wusste, woher er kam.
Plötzlich war er einfach da, in dem kleinen Dorf, das ihre Heimat war.
Aaron war von einer natürlichen Unbeschwertheit, liebte die Berge, die
Natur, das Leben und offensichtlich auch sie - Sarah. Vor Liebe blind sah
sie euphorisch einer gemeinsamen Zukunft mit Aaron entgegen. Nichts und
niemand konnte ihr Glück trüben, egal was gesprochen oder getuschelt
wurde.
Zu
der Zeit wusste Sarah nichts von Meta. Aaron sprach nie von ihr.
Überhaupt sprach er nie über sein vorheriges Leben.
Sarah
verweilt auf den Zeilen aus Metas Roman, las sie, ohne den Sinn bewusst
aufzunehmen. Plötzlich war Aaron ihr wieder ganz nah, der Schnee in den
Bergen, die Kerzen in den Fenstern der Dorfbewohner kurz vor Weihnachten.
Sie roch den Duft der Plätzchen aus der Küche, die sich gerade für
Aaron und das bevorstehende Weihnachtsfest im Herd befanden.
Der
Gong der Standuhr im Wohnzimmer schlug laut an. Einmal, zweimal ...
Erschrocken schlug Sarah das Buch zu, als ob jemand sie bei etwas
Verbotenem erwischt hätte. Der Roman rutschte ihr vom Schoß und polterte
auf den Boden. „Verdammt!" Sie bückte sich, um ihn wieder
aufzuheben. Ihr Rücken schmerzte. Sie kam im Sitzen nicht mehr so weit
hinunter, musste aufstehen und sich beugen. Vorsichtig nahm sie das Buch
auf. Einige Seiten waren verknickt. Sie versuchte, diese vorsichtig zu
glätten. „Was ist das?" Sarah hielt in ihrer Bewegung inne, als
sie sah, dass auf einer der verknickten Seiten, die sie gerade glatt
streichen wollte, etwas handschriftlich zwischen den Zeilen eingefügt
war.
„Aaron?",
fragte sie unsicher in die Dunkelheit, als ob sie eine Antwort bekäme.
Sie richtete sich langsam auf, ging zur Stehlampe, die neben dem Fenster
stand und hielt das Buch unter den Lichtschein. „Das ist doch ..."
Erschrocken sah sie auf. Ihr Blick wanderte durch den Raum, dann wieder
zurück auf das Buch. „Das kann nicht sein", flüsterte sie. „Unmöglich."
..6.12..
© Monique Lhoir