Meta
nahm die Hände vom Gesicht, lauschte in die einfallende Dunkelheit. Sie
wollte nicht noch einen des Klans verlieren. Hersin machte ihr große
Sorgen, er war so ungestüm und sein Sohn Aaron kam ganz nach ihm.
Es
klopfte, Anna, Herins Frau, stürzte mit angstbleichem Gesicht zur Tür
herein. „Meta! Aaron ist verschwunden! Und die Männer sind alle
draußen, bitte hilf mir, meinen Jungen zu finden. Meta erhob sich,
plötzlich tat ihr nichts mehr weh, die Aufregung erhitzte ihren Leib. Sie
griff nach ihrem Schultertuch, entzündete das Windlicht und folgte Anna
in die Nacht.
Sarah
blickte vom Buch auf und starrte ins Kaminfeuer.
Die
Autorin musste die Rachel von damals sein, schließlich stand ja „Romanbiografie"
auf dem Einband. Sie war damals allein von der Tour halb erfroren
zurückgekehrt.
„Ich
habe ihn verloren", weinte sie, „wenn er nicht auf der anderen
Seite des Gipfels den Abstieg geschafft hat, ist er wohl tot."
Der
Trupp, der sogleich aufstieg, fand seine Leiche nicht. Aber Aaron kehrte
auch nicht ins Dorf zurück. Sarah hatte alles vor Augen, als wäre es
gestern erst gewesen. Und nun erinnerte sie sich auch wieder an Meta.
Meta, die Dorfälteste, Aaron war ihr Urgroßneffe gewesen. Ob sie noch
lebte? Nein, das konnte nicht sein, sie war doch schon vor zwanzig Jahren
uralt gewesen. Sarah seufzte. Es war schwer zu glauben, dass Aaron nicht
mehr am Leben war.
Noch
einmal sah sie das Edelweiß an, die Zeilen. Wütend pfefferte sie das
Buch in die Zimmerecke. Da erlaubte sich jemand einen schlechten Scherz
mit ihr! Oder war sie auf dem Weg, verrückt zu werden? Sie vergrub das
Gesicht in den Händen und weinte hemmungslos eine lange Zeit. Je leerer
Sarah wurde, desto stärker stieg eine Idee an die Oberfläche. Was, wenn
sie ins Dorf reiste, um sich zu überzeugen, dass Aaron wirklich nicht
mehr dort war? Der Gedanke beflügelte sie. Gleich Morgen würde sie ein
Reisebüro aufsuchen, einen Flug buchen. Gewiss fürchtete sie die
mühselige Weiterreise im Klapperbus vom Flughafen weg, aber die Neugier
siegte. Die Nachricht war doch ein Zeichen! Ihr Herz klopfte, als sie das
Buch wieder aufhob, es streichelte und sanft auf den Tisch zurücklegte.
Am
nächsten Tag frühstückte sie schnell und ging ins Reisebüro. Die
Angestellte blickte verwundert auf. „Das ist nicht gerade die beste
Jahreszeit, eine unwirtliche Gegend, die leben ja wie im Mittelalter
dort."
„Jaja",
sagte Sarah ungeduldig", gibt es nun einen Flug?"
Es
gab keine direkte Verbindung, Sarah musste eine Zwischenlandung in Kauf
nehmen. Aber sie hatte das Ticket in der Tasche. Morgen würde es
losgehen.
..9.12..
© Elsa Rieger