Zu
Hause angekommen holte sie sofort den großen Koffer unter dem Bett
hervor. Er war verstaubt. Wie lange hatte sie ihn schon nicht mehr
benutzt. Sie brachte ihn ins Wohnzimmer, legte ihn aufs Sofa und öffnete
den Deckel. Anschließend rannte sie zurück. Plötzlich hatte sie es
eilig. Akribisch ging sie ihre Garderobe durch. Was sollte sie nur
einpacken? Sicher würde es verdammt kalt in den Bergen sein.
Gerade,
als sie eine dicke Felljacke aus dem Schrank zog, läutete die Türglocke.
Unwillkürlich schaute Sarah zum Wecker auf dem Nachttisch. "Um diese
Zeit? Wer mag das sein?" Sie legte die Jacke aufs Bett und ging über
den Flur zur Tür. Wahrscheinlich nur der Nachbar, der sich beschweren
kam, weil ihr Auto – wieder einmal – die Garagenausfahrt versperrte.
Das aber auch nur, weil der Alte von oben zu blöd war, sein Monster von
Mercedes vernünftig zu rangieren und mindestens zehn Meter ausholen
musste, um auf die Straße zu gelangen. Sollte er sich doch einen Smart
kaufen. Wütend riss sie die Tür auf. "Ich fahre mein Auto jetzt
..." Sarah hielt in ihrem Ausbruch inne und prallte erschrocken
zurück. "Oh, entschuldigen Sie", stotterte sie, als sie sich
wieder gefangen hatte. "Ich erwartete jemand anderes." Sie
musterte die Frau, die in einem grauen Regelmantel ihr gegenüberstand.
"Wollten Sie zu mir?"
"Wenn
Sie Sarah Altenberg sind, dann ja."
"Was
kann ich für Sie tun? Wenn Sie von den Zeugen Jehovas sind, ich habe
gerade jetzt wenig Zeit." Sarah wusste, dass kurz vor Weihnachten
sämtliche Vereine zum Geldsammeln kamen.
"Können
wir das innen besprechen?", fragte die Frau höflich, als im Haus
eine Wohnungstür klappte und Schritte auf der Flurtreppe zu hören waren.
"Ich
sagte bereits, dass ich keine Zeit habe." Sarah wollte die Tür
schließen.
"Es
ist wichtig. Sie haben gestern Metas Roman gekauft."
"Woher
wissen Sie ..." Instinktiv öffnete Sarah die Tür, ließ die Frau
eintreten und führte sie ins Wohnzimmer. "Woher wissen Sie, dass ich
das Buch gekauft haben?", vervollständigte Sarah ihren Satz.
"Ich
habe Sie beobachtet", sagte die Frau ruhig. "Sie legten das Buch
wieder weg, zögerten, überlegten und kauften es am Ende. Befand sich
darin nicht ein Edelweiß?"
"Ja,
aber ..."
"Ich
legte es hinein. Ich war mir ganz sicher."
"Worüber
sicher?"
"Dass
Sie Sarah sind. Die Sarah. Ihr Gesicht hat sich kaum verändert, nur etwas
älter ist es geworden, wie wir alle älter geworden sind. Darf ich mich
vorstellen", die Frau streckte Sarah eine Hand entgegen. "ich
bin Rachel Schwarzbauer, die Autorin des Buches. Ich hatte gestern eine
kleine Lesung im Buchladen, da fielen Sie mir auf."
"Mein
Gott." Sarah vergaß Rachels Hand zu ergreifen und ließ sich in
einen Sessel fallen.
"Ich
habe Ihr Foto gesehen. Damals in den Bergen. Aaron zeigte es mir. Er hat
Sie sehr geliebt."
"Dann
wissen Sie, wo Aaron ist? Was damals passierte?" Sarah beugte sich
vor und sah Rachel erwartungsvoll an.
Die
Frau, die scheinbar im gleichen Alter wie Sarah war, schüttelte langsam
den Kopf. "Nein, nichts genaues. Lesen Sie Metas Geschichte, dann
werden Sie mehr verstehen."
"Verstehen."
Sarah senkte den Kopf und schaut auf ihre Fingernägel. "Wie soll ich
jemals verstehen?"
"Sie
wollen verreisen?" Rachel wies auf den geöffneten Koffer.
"Ich
will Meta suchen, falls sie noch lebt. Ich will wissen, was damals
passiert ist." Sarah stand auf, verschränkte die Arme vor der Brust
und blickte Rachel wie ein trotziges Kind an, das jetzt einen Tadel wegen
ihrer unvernünftigen Ideen erwartete.
"Meta
lebt", sagte Rachel ruhig. "Jedenfalls noch im vorigen Jahr, als
ich das Buch über sie beendete."
"Dann
müssten Sie das Geheimnis um Aaron wissen."
"Nein.
Ich lebte im Nachbarort, beobachtete von dort die alte Frau,
recherchierte, fragte die Leute aus. Deshalb konnte ich so viel über sie
schreiben. Ich habe nie mit Meta gesprochen. Sie hasst mich, sie hat mich
immer gehasst. Von Anfang an. Ich war eine Fremde, die in ihr Reich
eingedrungen war, in ihre Familie, eine Feindin, die ihr die Söhne
stehlen wollte."
Sarah
überraschte Rachels Ausbruch. Welche Rolle spielte diese Frau in dem
Gebilde Meta, Aaron und das Unglück? Was hatte sie damit zu tun?
"Ich
reise mit Ihnen." Rachel stand abrupt auf. Sie sprach in einem Ton,
der einem Befehl glich.
"Warum?"
Sarah war überrascht und wagte keinen Einwand.
"Erstens
möchte auch ich endlich wissen, was damals passierte und zweitens könnte
es sein, dass Sie Hilfe brauchen. Und ich kenne Meta und ihre
Familie."
..10.12..
©
Monique Lhoir