Ein Edelweiß klebte
platt gedrückt zwischen den Seiten, daneben die Worte: „Denk immer an
mich, wenn du liest." Fast genau diese Worte hatte Aaron zu ihr
gesagt. Damals, kurz bevor er ohne ein Wort des Abschieds für immer aus
ihrem Leben verschwand. Er verband seine Worte mit einem Geschenk, einem
Lesezeichen.
Eine
Enzianblüte und ein Edelweiß, gepresst zwischen zwei Lagen
Pergamentpapier und dann auf Pappe geklebt.
„Die
Blumen habe ich selbst gepflückt. Ich kann deine Begeisterung für
Bücher zwar nicht teilen, aber wenigstens denkst du nun jedes Mal an
mich, wenn du eines zur Hand nimmst."
Sarah
schlurfte zu der Kirschbaumkommode in ihrem Schlafzimmer. In der obersten
Schublade bewahrte sie alle Andenken der Vergangenheit auf. Fotos, Briefe
einer längst verstorbenen Freundin und dieses Lesezeichen. Sie hielt es
ins Licht der Schlafzimmerlampe. Das Pergament und die beigefarbene Pappe
waren vergilbt, aber ansonsten sah es tadellos aus. Seit dem Tag, als
Aaron verschwand, hatte sie es nicht mehr benutzt. Es sollte nicht
verschmutzen oder unbrauchbar werden. Außerdem brauchte sie es nicht als
Gedankenstütze.
Sie
ging zurück ins Wohnzimmer und nahm das Buch wieder zur Hand.
Die
Figur der Meta kam ihr bekannt vor. Gleich beim Lesen der ersten Seite. Ob
aus eigenem Erleben oder aus den Erzählungen anderer konnte sie nicht
sagen. Alles war so verdammt lange her.
Sarah
schaute auf den Umschlag. Die Autorin hieß Rachel Schwarzbauer.
Rachel,
Rachel. In ihrem Gedächtnis schien eine Lücke zu klaffen.
Wie
war das noch, als sie Aaron das letzte Mal sah? Sie saßen auf der Bank
vor ihrem Elternhaus. Er erzählte von seinen Plänen, einen neuen Gipfel
besteigen zu wollen. Sie hatte über seine Begeisterung gelacht und
gleichzeitig fürchtete sie, dass sie ihn eines Tages an seinen Wagemut
verlieren würde.
Hatte
er da nicht eine Rachel erwähnt? So nebenbei, als wäre sie unwichtig.
Natürlich, sie war eine Bergsteigerin, wie er. Sarah erinnerte sich auf
einmal deutlich an das Gefühl der Eifersucht, weil diese Frau etwas so
wichtiges mit ihm teilte. Etwas, das sie ihm nicht geben konnte. Aber ob
es die Rachel war, die das Buch geschrieben hatte?
..7.12..
© Marion
Pletzer